Tuesday, October 24, 2017
 

Tough Guy 2014 – Die Mutter aller Hindernisläufe

tg-startDer erste Block ist bereits unterwegs, Testosteron-gesteuertes Gebrüll erfüllt die Luft. In einem wilden Gewusel rücken die nächsten Läufer vor zur imaginären Startlinie. Irgendwo wurde Mr. Mouse im Pulk gesehen, am Rande Ersthelfer und immer wieder Leute in britischen Uniformen, bei denen unklar bleibt, ob es Läufer oder Offizielle sind und ob deren Uniformen historisch oder aktuell sind. Wir warten auf einen Countdown aber während wir noch warten, setzt sich der zweite Block schon in Bewegung. Kurze Zeit später hört man dann auch den Startschuß. Den Berg runter auf der Matschwiese durch den blauen Rauch von Nebelkerzen, weiter über verschlammte Wege durch das Tal des Grauens, auch killing-fields genannt, doch die müssen noch auf uns warten. Nach 500 m ein erster Stau, weil Hunderte von Verrückten fast gleichzeitig auf Holzbalken treffen, die jemand quer über den Weg gebaut hat.

DCIM101GOPROGestern hatten Chief Balla und ich zusammen mit der lustigen Truppe „Muddy Fox – Running Rocks“ (Danke Katja für die Orga!) bereits das Gelände in Augenschein genommen. Mr. Mouse lädt regelmäßig Irre zur Mutter aller Hindernisläufe in seinen – zugegeben sehr großen – Garten ein. Die Einnahmen der 15 km langen Schinderei fließen in seinen Gnadenhof für alte Tiere. Mächtig hohe Hindernisse und immer wieder Wasser und Schlamm flößen mir Respekt ein. Niemals würde ich jedoch meine Alpträume der letzten Nächte zugeben. Ich hätte es einfach bleiben lassen sollen, mir zuvor Berichte, Bilder und clips der früheren Tough Guys anzuschauen. Das Glück ist uns hold: + 3 Grad, kein Eis auf dem Wasser, nur der kräftige Wind nervt. Gestern war noch Sturm. Es werden also nicht mehrere Hunderte von Unterkühlungen neben den Verstauchungen und anderen Ausfällen auftreten. Vielleicht.

tg-netzEs staut sich noch vor dem Balkenhindernis, nur langsam geht es weiter. Endlich durch. Und die Strecke bleibt (noch) versöhnlich. Mr. Mouse möchte möglichst alle unverletzt in den killing-fields sehen. Frierende Zuschauer in überschaubarer Zahl schauen uns nach wie der Wahnsinn über Holzhindernisse, unter niedrigen Netzen und leichten Steigungen weiter geht. Ich liege knapp vor dem Chief, versuche ein moderates Tempo und hoffe darauf, im Hindernisfinale noch genügend Energie zu haben. Nach etwa 6 km erreichen wir einen Hügel, der mit endlosen Serpentinen, Gestrüpp und Steinen ersten Widerstand leistet. Chief übernimmt die Führung, ich hechele hinterher. Langsam zieht sich die Teilnehmerschar auseinander und ein Wäldchen beginnt mit endlosen Schleifen, knietiefen Schlammgruben und immer wieder Kriechhindernisse aus Netzen. Es dauert, bis auch der letzte Nullblicker kapiert, daß man das Netz nach dem Unterkriechen nicht einfach fallen läßt, damit sich die Nachfolgenden drin verfangen, sondern wenigstens noch kurz hoch hält. Immer wieder Schlammgruben, die langsam tiefer werden. Und jetzt in Schleifen so viele Schlammlöcher zum Rein- und Rausklettern, daß die Kälte unweigerlich in mir hochsteigt. Keine Strecke mehr zum Nur-Laufen und wieder Aufwärmen. Für Schlamm-Fetischisten ein Paradies.

DCIM101GOPROBisher rund 10 km, in mir macht sich langsam Panik breit. Kletterhindernisse häufen sich, alle machbar, wenn auch immer wieder andere auf ihnen ausrutschen und eine unsanfte Landung hinlegen. Chief rennt vor und erreicht vor mir den „Tiger“. Das erste Hindernis der killing-fields! Fast 10 m hoch, eine Konstruktion aus Balken, Seilen und Netzen. Auch machbar. Wenngleich viele Hindernisse schon bessere Zeiten gesehen haben, voller Moos und Schlamm sind und jeder deutsche TÜV hier ein Fest feiern würde. Als bekennender Grobmotoriker brauche ich ewig, möchte aber die Fangnetze lieber nicht testen. Die nachfolgenden Stromfäden sind enttäuschend lahm.

DCIM101GOPRONochmals auf Balken und Netzen in die Höhe und wieder hinab. Ab jetzt geht es Schlag auf Schlag. Kaum mehr Laufstrecke, dafür Hindernis auf Hindernis. Und immer wieder Wasser. KALTES WASSER! Selbst zum Trinken. Iso, Bananen, Riegel, Nutellabrote sind nicht im Angebot. Klatschnaß und inzwischen auch durchgefroren wieder hoch und an zwei Seilen in luftiger Höhe balancieren, was mir erstaunlich gut gelingt. Wer Höhenangst hat, kommt hier trotz Kälte ins Schwitzen. Ich aber komme immer mehr ins Frieren und der Chief rennt mir davon. Wieder WASSER! Ich habe keine Zeit mehr für Panik, beschließe, daß ich definitiv zu alt für so etwas bin und erreiche mit meinem alten (aber einzigen) Körper den Chief. Plötzlich die torture chamber: mit Dunkelheit, Matschlöchern, Holzhindernissen und Stromfäden. Im Kriechgang hindurch, nicht wirklich dunkel, weil sie nach einem Zwischenfall im vergangenen Jahr entschärft wurde. Jetzt muß ich doch endlich einen Stromschlag bekommen? Fehlanzeige – ich bin etwas enttäuscht. Später eine aus Reifen gebaute Röhre zum Durchkriechen, hier zahlt sich aus, daß wir nicht im Körperpanzer aus Kunststoff unterwegs sind, sondern im schwarzweiß gestreiften originalen Gefängnisoverall. (Damals nach der Entlassung hatten sie gesagt, nach den vielen Jahren, könnten wir sie ja auch gerne behalten. Schon praktisch!)

DCIM101GOPROWie der Kurs weiter verläuft, der jedes Jahr etwas variiert wird, läßt sich im Vorhinein kaum abschätzen. Was auch gut so ist, denn unvermittelt stehen wir vor meinem persönlichen Horror-Hindernis: dem Tauchhindernis. Ein erster Balken zum  drunter Durchschwimmen als Einstimmung, dann mehrere in Folge. Es ist saukalt! Das Gehirn schrumpft in Sekundenbruchteilen auf Erbsengröße. Immerhin komme ich heute ohne Wasserwacht aus. Chief ist schon an Land, ich folge wenig später. Schnell die Wollmütze runter und auswringen. Das Gehirn hat wieder Haselnußgröße und das Sprunghindernis ins kalte Wasser baut sich vor uns auf – es bleibt gnädig hoch. Chief Balla ist schon durch und während sich seine Flutwelle wieder beruhigt, stehe ich noch meditierend und zögernd auf den glibberigen Planken. Ich will im Prinzip nur wissen, ob man im Wasser noch stehen kann, aber die englische Konversation mit einem Streckenposten wird von Mißverständnissen überschattet. Diese Zeit nutzt ein anderer Teilnehmer, um abzurutschen. Er wickelt sich um die Balken, bleibt zum Glück unverletzt, nimmt dann aber den Bypass ohne Sprung ins Wasser. Mit einem kühnen Sprung hechte ich in die nasse Kälte.

DCIM101GOPRODurch den Matsch geht’s weiter auf eine haushohe Konstruktion modriger Balken und Stämme. Oben ist Balancieren auf Planken angesagt, am Rand geht’s nur langsam, der kalte Wind pfeift um die Ohren. Chief Balla ist schon durch, während ich die reizvolle Aussicht noch überproportional lange genieße. Viel kann nicht mehr kommen. Tatsächlich geht es nur noch ein Stück mit wenigen Reifen weiter zu einem Tümpel. Ein letztes Waten durch das Wasser, kurz hoch, runterrutschen unter Stromfäden hindurch, aber der Strom ist schon abgestellt. Wieder hoch und durchs Ziel! – Durchs Ziel? Ein Bogen mit Uhr steht da, aber auch die Aufschrift „100 meters to finish“. Wo das Ziel nun wirklich ist, bleibt unklar, genauso wie die Frage nach der tatsächlichen Zeitnahme. Während der schwarzweiß-gestreifte Chief noch Audienz beim Chef der racing cops hat, beschließe ich den Lauf (unfreiwillig) mit einer Arschbombe in den Schlamm und habe sofort die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der bespritzten Zuschauer.

DCIM101GOPROMEDAILLE! Das war es also. Wir sind jetzt Tough Guys! Ein Finisherphoto und mit unterkühlten, zitternden Händen über Berge alter Klamotten zur Tee- und Kakao-Ausgabe. Überall stolze, abgekämpfte Finisher mit Medaille inmitten der Besucher. Keine wirkliche Partyzone, ein paar Freßbuden sichern die Grundversorgung, aber alles wirkt doch etwas improvisiert.

Wir haben uns umgezogen, das Kältezittern läßt nach. Auf dem Weg zum Bus dämmert uns langsam: wir sind jetzt Tough Guys.

Wir haben die Mutter aller Hindernis- und Matschläufe gefinished – den, der als das Härteste der Welt gilt. Wir sind balla-balla.

So hart wie für uns, war es übrigens auch für unsere Kameras. Kälte, Schlamm, Regen, Wasser, schwer da Brauchbares rauszubekommen. Wir werden dennoch in den nächsten Tagen noch eine kleine Sammlung für die Galerie probieren. Bis dahin, dieses Video von einem anderen Team gibt einen ganz guten Eindruck, wie es dieses Jahr da so aussah…

 

Kommentare: 3

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  • nicht mehr balla-balla? Hab’ euch trotzdem gefunden und freu’ mich auf den Bericht von drei Musketieren oder: voll die Elite! ;)

     
     
     
  • eigentlich seht ihr doch noch relativ normal dafür aus, dass ihr eindeutig nicht nur balla-balla sondern total pervers seid. Gute Tarnung, die Kostüme – da ahnt kein Mensch, dass noch viel schlimmeres drinsteckt.

    Volle Gratulation an Euch beide: Doc und Chief. Ihr seid die Irrsten!

     
     
     
    • Auch wenn es mir schwer fällt zuzugeben, es gibt auch andere Menschen (außer mir ;-) ) mit klugen Aussagen:

      “Wir brauchen viel mehr Spinner auf der Welt, was die normalen daraus gemacht haben, sehen wir ja.” – George Bernhard Shaw

      LG
      Balla Doc (weiser alter Mann)

       
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